Zugvogelexpedition nach Lappland 2020

Wie auch im letzten Jahr planten wir, „die Zugvögel“, eine große Herbstexpedition, die nach Nord-Skandinavien, in ein mehr oder weniger unberührtes Naturgebiet gehen sollte.

Leider funkte uns Covid-19 ein wenig in die Planung und Umsetzung. Statt unserer drei geplanten Vorbereitungsfahrten konnten wir nur zwei stattfinden lassen und unser Ziel für den Herbst änderte sich ständig. Um das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren und um unsere Reisen gut vorzubereiten trafen wir uns so regelmäßig, wie es uns erlaubt wurde.

Im Januar 2020 kamen wir das erste Mal nach der Winterpause bei einer Teilnehmerin zuhause zusammen. Dort kochten wir Outdoor-Rezepte, wie traditionell bei jedem unserer Vorbereitungstreffen. Wir brainstormten über mögliche Ziele unserer Vorbereitungsfahrten und über das Ziel der Herbstfahrt. Einen Monat später trafen wir uns mit drei neuen Gesichtern in der ehemaligen Geschäftsstelle der Sektion Berlin. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten wir ein weiteres unserer Vorbereitungstreffen digital stattfinden lassen. Unser darauffolgendes Treffen fand im Juni im Gleisdreieck Park statt. Dort einigten wir uns auf eine Tour ins Tessin. Wir klärten den genauen Verlauf der Fahrt und besprachen die Verantwortungen, die von den Teilnehmenden vor und auf der Fahrt übernommen werden sollen. Nun ging es an die Vorbereitung der Fahrt, alle waren beschäftigt.

Wir trafen uns am 27. Juni 2020 am Südkreuz und starteten am frühen Abend unsere Autofahrt. Am nächsten Morgen kamen wir am Lago Maggiore in Locarno an. Wir frühstückten und genossen die morgendliche Einsamkeit im und am See. Anschließend fuhren wir, mit einem weiteren Badestopp in der Verzasca, bis nach Brione. Nachdem wir den Mietwagen abstellten, starteten wir am Nachmittag in unsere Mehrtagestour. Nach einem steilen und anstrengenden ersten Aufstieg, an dem wir vollkommen übermüdet bereits 1200 Höhenmeter zurücklegten, zelteten wir unterhalb des Lago del Starlaresc. Unser zweiter Tag endete unterhalb des Passo Dei Due Laghi. An diesem Tag hatten wir stark mit der intensiven Sonne und dem mangelnden Wasser zu kämpfen, sodass wir die Gruppe am Schlussanstieg teilten und mehrere Teilnehmende vorausliefen, um das Camp aufzubauen und mit dem Kochen zu beginnen. Der darauffolgende Tag begann für uns früh morgens. Wir legten zwar nicht viel Strecke zurück, genossen aber eine Badepause und stellten uns einer technisch anspruchsvollen Geröllscharte, die alle gut meisterten. Am nächsten Tag legten wir 8 Kilometer zurück, stiegen eine Kletterpassage hinauf und schliefen im Refugio Sambuco, wo wir den Abend gemeinsam als Gruppe mit Kartenspielen ausklingen ließen. Der nächste Tag wurde zum Gipfeltag, denn wir bestiegen den Monte Zucchero. Unterwegs bestaunten wir Ziegen, Schneefelder und die weite Sicht der Alpen. Auf dem Rückweg badeten wir in einer Gumpe. Wir campierten ein Stück weit entfernt des Refugios. Der folgende Tag stellte sich streckenbedingt und wettertechnisch als eine Herausforderung dar. Wir stiegen ein Stück weit ins Val Osura ab und machten einen Abstecher auf einen Grat, um zum letzten Mal die Aussicht zu genießen. Auf dem Rückweg weiter ins Tal überraschte uns eines der berühmt-berüchtigten sommerlichen Alpengewitter. Wir erreichen klitschnass nach 8 km das Capanna Osola. Es starteten mehrere Trocknungsaktionen. Diese brachten bis zum nächsten Tag jedoch nicht viel. An unserem letzten Tourentag führte uns der Weg durch Wald und Wiesen zurück zum Auto. Wir fuhren nach einer Mahlzeit und einem Bad in der Versasca los Richtung Berlin, wo wir spät in der Nacht ankamen.

Nach den Sommerferien trafen wir uns, um diese Fahrt auszuwerten und um für unsere Herbstexpedition neue Menschen in die Zugvögel-Gruppe aufzunehmen, da einige private Herbstpläne spontan mit unseren Plänen kollidierten. Wir starteten also mit zwei neuen Gesichtern in die intensive Vorbereitung der Herbstexpedition. Hierfür nutzten wir Anfang Oktober ein Boofen-Wochenende im Elbsandsteingebirge. Zuerst war der Plan nach Norwegen auf die Lofoten zu fahren, doch Norwegen war wegen des Corona-Virus relativ schnell keine Option mehr. Stattdessen hatten wir die schottischen Highlands im Blick, doch auch diese waren bald nicht mehr zugänglich. Unser nächster und auch finaler Plan war eine Expedition in den schwedischen Teil Lapplands, in den Sarek-Nationalpark oberhalb der Polargrenze.  Der Sarek ist sehr abgeschieden und Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Laponia“. Der Sarek ist 1970 km² groß und wird von den Samen zur Rentierzucht genutzt, weswegen man mitten in der unberührten Natur ganz selten kleine verschlossene Blockhütten findet. Gegen Anfang des 20ten Jahrhunderts wurde das Sarek-Gebiet von Axel Hamberg erforscht und 1909 zum Nationalpark erklärt.

Im Elbsandsteingebirge besprachen wir erstmal alle Einzelheiten der Fahrt und bereiteten uns auf die Situation des Essenmachens, des Aufbruchs usw. vor. Das Müsli z. B. bereiteten wir uns in kleinen Tütchen für jeden Tag vor. Mittags aßen wir gemeinsam kalt und abends warm. Das Essen und das Gruppenmaterial teilten wir untereinander auf. Was die Vorbereitung betraf, besprachen wir das Wetter, die Packliste, das Essen, den Einkauf, das Ausleihen und Beschaffen von Material und die Verantwortungen für die verschiedenen Aufgabenbereiche. Da wir die Fahrt selbst gestalteten, gab es Verantwortungen für jeden Bereich, die wir uns untereinander aufteilten, wie z. B. ein Koch-Team, das Essen machte, ein Team, das Tee kochte, ein Abwasch- , Routen-, „Hygiene“-Team usw.

Am ersten Herbstferientag trafen wir uns am Berliner Bahnhof-Südkreuz, fuhren mit unserem gemieteten Van nach Rostock und nahmen die Nachtfähre nach Trelleborg. Die nächsten zwei Tage fuhren wir Auto, immer mit guter Laune und vielen Ideen, sich die Zeit zu vertreiben. Abends campierten wir, weil wir nicht durch die Nacht fahren wollten. Am zweiten Abend schlugen wir unser Lager am Rande des Nationalparks auf. Am ersten Tag gingen wir schon 18 km in den Nationalpark hinein. Der erste Teil unserer Strecke führte durch eine farbenfrohe Heide, durch Bäume, Moos, und viele Blaubeeren und Preiselbeeren. Auf der Hälfte der Strecke sahen wir nach einem leichten Anstieg Schnee. Nun waren wir auf dem Fjell, einer großen weißen Schneelandschaft mit viel Wind. Der Weg stellte uns an einigen Stellen direkt auf die Probe. Im Nationalpark gibt es abgesehen von den Rentierpfaden keine Wege. Außerdem mussten wir zwei Flüsse furten, was Überwindung und Geschick erforderte. Niklas, der uns führte, ging mit einem Seil voran. Als er die andere Seite erreicht hatte, wurde das Seil gespannt und wir wateten einer nach dem Anderen auf die Stöcke gestützt, barfuß und knietief durch den eisigen Strom. Abends schlugen wir ein Camp auf und alle beschäftigten sich mit ihren jeweiligen Verantwortungen. Es wurden Zelte aufgebaut, Wasser geholt, gekocht und sich in den Zelten eingerichtet. Es gab zwei Zweipersonen-Zelte und ein Fünfpersonen-Zelt, welches wir auch als Gruppenzelt zum Essen und zum Abhalten der Tagesreflektionen nutzten. Jeden Abend hielten wir dieses Ritual ab, um die Ereignisse des Tages auszuwerten. Abends aßen wir Linsen, Nudeln, Polenta, Couscous, Reis mit Pilzen und andere leichte und leckere Gerichte. Außerdem tranken wir morgens, mittags und abends Tee. Wir standen jeden Morgen um 6 Uhr auf, frühstückten, zwängten uns in unsere vereisten Schuhe, bauten die Zelte ab und machten uns auf den Weg. Wir wanderten möglichst ohne lange Pausen. Nur zum Austreten – natürlich in freier Wildbahn – und für eine Mittagessenspause hielten wir inne. Die Temperaturen von bis zu -5 Grad am Tag und bis zu -17 Grad in der Nacht machten uns sehr zu schaffen und wir versuchten uns bestmöglich warmzuhalten. Durch das Wetter und andere Umstände änderte sich unsere Route an manchen Stellen leicht, aber sie blieb immer interessant. An manchen Tagen ließen wir unser Lager aufgebaut und unternahmen Touren nur mit dem nötigsten Gepäck. Wir sahen atemberaubende Schneelandschaften, manchmal auch eine verlassene Hütte mitten in der Wildnis und Tiere wie einen Elch, Rentiere oder Schneehühner. Einmal schliefen wir auf einem kleinen Berg. Um Tee und Essen machen zu können brauchten wir Wasser, welches wir mit auf den Berg nehmen mussten. Das war eine mühsame Angelegenheit, doch für diesen Ausblick lohnte es sich. Im Großen und Ganzen ließ es sich ohne Wege gut wandern, an manchen Stellen war das Durchkommen aber schwer. Es gab Sümpfe, verborgen unter Schnee und Eis und auch viele kleine Bäche, die von den Bergen hinab in Seen und Flüsse mündeten, weswegen wir oft nasse Füße hatten. Oft schlug uns auch das Wetter ein Schnippchen. Es kam vor, dass wir aus dem schlechten Wetter ins noch schlechtere Wetter flohen und sahen, wie es hinter uns wieder aufklarte. Gegen Ende der Tour hinderten uns der Wintereinbruch und das Wetter am Besteigen eines Gipfels und wir machten uns auf den Rückweg. Insgesamt verbrachten wir 8 Tage und 7 Nächte in freier Wildbahn.

Zum Ausklang der Reise entspannten wir noch drei Tage in einer Blockhütte mit Sauna in Mittel-Schweden. Es herrschte vorweihnachtliche Stimmung und wir verbrachten kurze Tage mit Essen, Spazierengehen, Spielen und dem Auswerten unserer Fahrt. Die Rückreise verlief so gut wie die Anreise und wir nahmen wieder eine Nachtfähre zurück nach Rostock.

Theodor Geist, Neele Vogt und Nell Schikarski

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