Das Wissenswürdigste aus der Gebirgskunde
Aus der Sektionsbibliothek
Christoph Friedrich Jasche
Auf welchem Weg das vielleicht älteste Buch der Sektionsbibliothek aus dem Bestand der lange aufgelösten Sektion Mark Brandenburg zu uns gekommen ist, lässt sich nicht sagen; jedenfalls hat es von seinem Erscheinen 1811 noch 58 Jahre bis zur Gründung der ersten Alpen vereinssektionen gedauert. Nur aus einem Exlibris und einem alten Stempel lässt sich die Vorbesitzerin erkennen.
Jasche ist geboren und gestorben im Harz und hat in Berlin am Institut für Berg- und Hüttenkunde studiert, was aber weder mit Bergen noch mit Hütten in unserem Alpenvereinssinn zu tun hat, sondern mit Bergwerken und Erzverhüttung.
Außer mehreren mineralogischen Schriften hinterließ er eine, wie es damals hieß, oryktognostische (heute würde man sagen mineralogische) Sammlung. Sie wanderte über mehrere Stationen u. a. zur Preußischen Geologischen Landesanstalt im Gebäude des heutigen Museums für Naturkunde und liegt jetzt vielleicht bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.
Wenn das Thema des Buchs also Gebirgskunde ist, geht es dabei nicht um Besteigungen oder Schönheit der Bergwelt. Wichtig ist dem Autor nur die Nutzbarkeit der Berge für den Bergbau, der nämlich „eine unerschöpfliche Quelle des Wohlstandes“ ist. (Über das Thema „Raubbau an der Natur“ machte man sich damals offensichtlich noch weniger Gedanken.)
1811 war Alexander von Humboldt gerade erst vor wenigen Jahren von seiner großen Südamerikareise zurückgekehrt und Johann Wolfgang von Goethe, der sich außer zu dichten auch viel mit Naturwissenschaft beschäftigt hat, hatte noch 20 Jahre zu leben. Beide, wie auch Jasche, waren an den damals wichtigen Diskussionen zwischen Neptunikern und Plutonikern beteiligt, bei denen es um die Frage ging, ob die Gesteine der Erdoberfläche als Sedimente im Wasser oder durch Vulkanismus entstanden sind. „Alle Gebirge neptunischen Ursprungs müssen vor ihrer Entstehung in einer Auflösung, die die Erde bedekt hat, vorhanden gewesen seyn … Auf trocknem Wege allein sind die vulkanischen Gebirgsarten erzeugt, sie haben auf die heutige Gestalt der Erde nur sehr wenig Einfluss …“.
Es war damals ganz neu, wie Jasche extra schreibt, dass man den Luftdruck mit Barometer bestimmen kann, und es war eine neue Erkenntnis, dass „die Luft desto dünner und leichter wird, je höher man kommt“. Vom Himalaya wusste man in Europa fast nichts, stattdessen dachte man „dass jezzigen Beobachtungen zu Folge … einige Punkte des andesischen Gebirges in Südamerika und besonders der Chimborazo in der Gegend von Guito in Peru die grösste Höhe“ haben. (Die heutigen südamerikanischen Länder waren da noch nicht unabhängig, sondern Teil spanischer Vizekönigreiche, das größte davon das Vizekönigreich Peru, zu dem am Anfang auch das spätere Ecuador mit dem Chimborazo gehörte.)
Abgesehen von seinem unhandlich großen Format mit 42 cm Höhe ist das Buch auch inhaltlich großteils sozusagen unlesbar, weil es zu drei Vierteln aus Tabellen besteht, in denen in zehn Spalten Eigenschaften, Vorkommen, Verwendung usw. der Gesteine aufgelistet sind. Wer aber Freude an alten Texten („außer der Erhöhung unter dem Aequator und den Vertiefungen in den Polen treffen wir eine bedeutende Anzahl von Unebenheiten auf unserem Erdballe an“) und Interesse an Wissenschaftsgeschichte hat, wird die oben abgebildete enthusiastische Widmung mit Vergnügen sehen und mit Gewinn die einleitenden Seiten durchblättern. Nach dem im Foyer der Geschäftsstelle aufgestellten Stein aus dem Zillertal dürfte das hier besprochene Buch mit seinen 215 Jahren der zweitälteste Gegenstand im Haus sein. Übrigens ist der sonstige Bibliotheksbestand mit weit über 5000 Büchern – keineswegs nur Wander- und Kletterführern – durchaus aktueller und lohnt einen Besuch.
CHRISTOPH RUHLAND





