Die abenteuerliche Jungfernfahrt der Berliner Hochtourengruppe

Vom Stubai aufs Monte-Rosa-Massiv

Morgenstimmung im Stubai nahe Franz-Senn-Hütte. Foto: Max Franks

 

Lange schien Corona den ambitionierten Alpinistinnen und Alpinisten der Berliner Hochtourengruppe einen Strich durch ihre 2020er-Gruppenfahrt zu machen. Dann kam die Lockdown-Lockerung – und ermöglichte zwei Wochen Kletterei und Hochtouren in den Alpen.

Eine große Gruppenfahrt für 2020 war seit langem in Planung: Bei unzähligen Treffen hatten wir, die Hochtourengruppe der Sektion Berlin, Ideen gesammelt und die Niveaus der Gruppenmitglieder evaluiert, um eine Tour zu planen, die möglichst viele von uns anspricht: Genusstouren und Anspruchsvolles, Kletterei und Blankeis, alles sollte dabeisein. Bis Mitte Juni sah es aber so aus, als würde die diesjährige Fahrt nur in unseren Köpfen stattfinden: Hütten und Landesgrenzen waren geschlossen, gemeinsame Autofahrten und persönliche Gruppentreffen untersagt. Dann plötzlich die Nachricht: Reisen ist mit Auflagen wieder erlaubt, einige Hütten werden Ende Juni den Betrieb aufnehmen. Uns blieben nun noch weniger als zwei Wochen, um Unterkünfte und Anreise zu organisieren.

Woche 1: Aufbruch ins Stubaital

Durch die Corona-Beschränkungen konnten wir bei der Wahl der Hütten nicht sonderlich wählerisch sein, und mit der Franz-Senn-Hütte (2.147 m) fanden wir eine erste Unterkunft, die unsere große Gruppe für eine Woche aufnehmen konnte und wollte. Am 21. Juni trafen zum Aufstieg Wahlberliner/-innen verschiedenster Couleur aufeinander (Mehrfachnennung möglich): zwei Spanier, ½ Holländer, ½ Österreicher, ½ Neuseeländerin, sechs Frauen, ein paar Ossis, ein Perser, eine U30, zwei Ü50; insgesamt 24 Liebhaber der Geselligkeit und des guten vergorenen Traubensafts. Für viele von uns war es durch Corona das erste persönliche Treffen.

Mitreißende Schneebretter und rauschende Bäche

Zu Beginn der Woche teilte sich die Gruppe auf: Die einen frischten Kenntnisse der Spaltenbergung auf, andere zogen in mehreren Seilschaften zur ersten Hochtour auf die Innere Sommerwand (3.122 m). Unser gemeinsames Problem: Die Gletscher waren kaum mehr vorhanden, und auch der Schnee wurde durch die hohen Temperaturen dieses Sommers schnell sulzig. Während etwa zwölf von uns sich bei Sturm, Eisregen und wenig Sicht matschige Abhänge hinabwarfen, um Spaltenstürze zu simulieren, löste sich unter einer Seilschaft an der Inneren Sommerwand ein kleines Schneebrett. Die Gruppe ging während des steilen Anstiegs korrekterweise unangeseilt, um die Mitreißgefahr zu vermeiden, und so trug der Schnee einen der erfahrenen Alpinisten einige Meter hangabwärts in eine Senke. Glücklicherweise war die Schneemasse gering, es blieb bei einem Schreck. Trotzdem eine wichtige Erinnerung für uns alle, dass steile Wände auch im Sommer Gefahren bergen können.

Am kommenden Tag stand dann für die „Auffrischungsgruppe“ eine Wiederholung zu Vorstieg und Alpinem Klettern im wunderbar gesicherten Klettergarten auf dem Programm, die Hochtouristen zogen vor Sonnenaufgang zur Östlichen Seespitze (3.416 m). Mit bis zu 50˚ Steigung bei den vorherrschenden Schneebedingungen stellte sich die ungespurte Tour als wahrer Kraftakt heraus – und kostete neben Muskelkraft auch temporär ein Steigeisen. Die Klettergruppe wiederum hatte andere Schwierigkeiten: Durch eine verpasste Abzweigung im Blockgelände stand sie plötzlich einem reißenden Fluss gegenüber, den es zu durchqueren galt.

Die erste improvisierte Teambuilding-Übung von vielen, die noch folgen sollten, meisterten wir mit guter Stimmung und Gruppengeist. In den kommenden Tagen folgten ausgedehnte Mehrseillängen-Klettereien wie der Nordgrat der Vorderen Sommerwand (2.677 m, 12 Seillängen, Schwierigkeitsgrad 3/III), den geübte Teams in drei bis vier, weniger eingespielte – aber hartnäckige – in acht Stunden absolvierten (das Abendessen wartete an dem Abend auf sie). Erfahrene Alpinisten und Alpinistinnen und ambitionierte Einsteiger/-innen mischten sich im Laufe der Woche zu verschiedenen Seilschaften, die gemeinsam diverse Gipfel erklommen und die Umgebung der Hütte mit ihren eiskalten, klaren Bergseen, verwinkelten Klettersteigen und schönen Wanderrouten erkundeten.

Es zeigte sich aber auch, dass das Stubaital durch die fortgeschrittene Gletscherschmelze für Hochtouristen immer weniger zu bieten hat. Zum Klettern und Wandern allerdings schien es uns hervorragend geeignet, und allein die gute Küche der Franz-Senn-Hütte rechtfertigt einen Besuch. Nach einer Woche war aus uns Individualisten eine richtige Gruppe geworden, die es ohne Verletzungen durch die vielen Touren geschafft hatte. Und so saßen wir am letzten Abend bei gutem Rotwein zusammen und diskutierten gemeinsam sinnvolle Strukturen und Materialwartschaft für unsere weiter wachsende Hochtourengruppe. Ein großer Dank gilt Sahand, unserem unermüdlichen Gruppenleiter, der seine eigenen Tourenambitionen zurückstellte, um mit Engelsgeduld (ja, doch!) alle erdenklichen Inhalte mit uns zu üben. Wir haben versucht, ihm die Arbeit in Weinflaschen zurückzuzahlen (kein leichtes Unterfangen :-)). Sahand, du bist ’ne Wucht!

Woche 2: Alle Wege führen zur Gnifettihütte

Am Morgen des 27. Juni wartete der erste große Abschied auf uns. Während die Hälfte der Gruppe sich auf den Heimweg machte, fuhren wir anderen zwölf in Fahrgemeinschaften über Innsbruck, Brenner, Gardasee und verschlungene Panoramawege durch die Alpen, um am Abend in Alagna (Aostatal, ca. 1.200 m) wieder zusammenzutreffen. Corona war in dieser Region, die viele Tote zu verzeichnen hatte, deutlich greifbarer
als in Österreich, die Zugangsregeln strikter, aber man war hier auch entschlossen, den Alltag – und damit Touristen – wieder willkommen zu heißen. Restaurants und Hotels waren geöffnet, Masken allgegenwärtig, die Stimmung positiv. Bei unserer Ankunft riss der Himmel nach heftigem Sturzregen fetzenweise auf und ließ die ersten weißen Riesen hervorblitzen – einige der höchsten Berge Europas, unser Ziel für die kommende Woche.

Im Morgengrauen überwanden wir die knapp 2.000 Höhenmeter gen Monte-Rosa Massiv per Lift im Rekordtempo, die letzten 500 dann gemächlicher in Schrittgeschwindigkeit. Wir steuerten unseren Zufluchtsort für die kommenden Nächte an: die inmitten von Gletschern und direkt an einem imposanten Eisbruch thronende Gnifettihütte (3.647 m). Hier zogen Wolken aus dem Tal mit der Geschwindigkeit von Rennrädern vorbei, und der Aufstieg zu den 4.000ern war vom Klofenster aus zu bestaunen. Um die Anpassung an die beachtliche Höhe zu erleichtern, absolvierten wir direkt verschiedene Akklimatisationstouren, einige bis auf die Punta Giordani (4.046 m). Null Sicht und Höhenprobleme strapazierten die ein oder andere Seilschaft an diesem ersten Tag. Nach einem verregneten Morgen spielte am Folgetag ab Mittag das Wetter mit, und so brachen wir alle gemeinsam in Richtung Vincentpyramide (4.212 m) auf, wo nach stetigem Aufstieg ein wunderschönes Gruppen-Gipfelfoto entstand.

Gruppenbild mit 4000er – gemeinsam auf dem Gpfel der Vincentpyramide (4.212 m). Foto: Wassili Sabelfeld

Gruppenbild mit 4000er – gemeinsam auf dem Gpfel der Vincentpyramide (4.212 m). Foto: Wassili Sabelfeld

Die Höhe und der sulzige Schnee am nun sehr sonnigen Nachmittag zwangen uns zur Umkehr, obwohl mindestens eine Handvoll weiterer 4.000er in Sicht- und Gehweite lagen. Bei diesem majestätischen Anblick war die Tourenplanung in unseren Köpfen schier hörbar. Und so machten wir uns denn am nächsten Morgen gegen 5.30 Uhr auf, ein paar 4.000er zu sammeln. Balmenhorn (4.167 m), Schwarzhorn (4.322 m), Ludwigshöhe (4.341 m) und Parrotspitze (4.432 m) standen auf unserem Wunschzettel, bei einer ambitionierten Seilschaft auch Il Naso (Schneedomspitze, 4.277 m) und Ostgipfel (4.527 m) des Lyskamm.

Starke Wechten und schwierige Schneeverhältnisse machten letzteren Aufstieg allerdings zu riskant, und so zogen alle Seilschaften gemeinsam in Richtung der anderen Gipfel. Am Schwarzhorn wartete Blankeis mit bis zu 60˚ auf uns, was einige in Verzückung versetzte, während es anderen die Grenzen ihrer Technik und / oder Geräte aufzeigte. Starker Wind fegte über die Gletscherflanken, der Himmel über uns war wolkenlos – ein beinah spirituelles Erlebnis, in dieser Landschaft Gast sein zu können. Auf dem Rückweg besuchten einige von uns für eine Brotzeit das spektakulär gelegene Biwak „Felice Giordano“, das direkt unterhalb des Balmenhorn-Gipfels am Fels klebt.

Atemlos in der Nacht

Mitglieder unserer Gruppe steigen vom Gipfel der Ludwigshöhe (4.341 m) ab. Foto: Anne Rattey

Mitglieder unserer Gruppe steigen vom Gipfel der Ludwigshöhe (4.341 m) ab.
Foto: Anne Rattey

Den wortwörtlichen Höhepunkt unserer Fahrt hatten wir uns bis zum Ende aufgehoben: Entlang der inzwischen bekannten Route stiegen wir an „unseren“ 4.000ern vorbei zum höchsten bewohnbaren Bauwerk Europas und unserem letzten Quartier auf, der Capanna Margherita (4.554 m) auf dem Gipfel der Signalkuppe. Unterwegs tauchten das majestätische Matterhorn und die Dent Blanche (4.357 m) vor uns auf, und die Frauenseilschaft bestieg mit der Zumsteinspitze (4.563 m) den höchsten Gipfel dieser Gruppenfahrt. Die Hütte war dann überraschend gemütlich, aber die Höhe raubte uns schon nach wenigen Treppenstufen zu den Zimmern den Atem. Das Pulsoximeter, das Sahand uns allabendlich anlegte, zeigte dann zwischenzeitlich bei einigen auch Werte von 71 %. Entsprechend kurz die Nacht. Nach einem kargen Frühstück, das wir mit Essensresten aus unseren Rucksäcken ergänzen mussten, stiegen wir bei perfektem Sonnenaufgang und Eiseskälte ab, wehmütig und unwillig, diese wundersame Welt aus Blau und Weiß wieder zu verlassen. Diesen vorerst letzten gemeinsamen Abend verbrachten wir auf der Gnifettihütte, und es musste viel Wein fließen, um unseren Abschiedsschmerz zu lindern. Das herausragende Weinangebot der Hütte, die per Heli beliefert wird, hat uns beeindruckt, und wir ließen neben den 75 € pro Übernachtung noch so einige Euronen für guten Traubensaft dort. Und dabei kamen wir ins Träumen und Planen für die nächste Gruppenfahrt …

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